Tag 34 / Bürserberg-Totalphütte

Heute (Dienstag) ging es von Bürserberg hinauf, stets dem Brandner Tal folgend, von 800m auf 2381m. Leider alles wieder im Dauerregen; am liebsten wäre ich im schönen Gästehaus Brigitte geblieben. Aber wer immer nur auf gutes Wetter wartet, schafft es wohl kaum nach Nizza!

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Eine lokale Spezialität? Feinster Vorarlberger Schnürlregen, mit (für heute) etwas ironisch benanntem Haus

Also raus in den Regen, vorbei am Dorf Brand, kurzen Abstecher zum eindrucksvollen 30 Meter hohen Kesselfall tief in einer Schlucht, und dann das Seetal hoch bis zum “Bösen Tritt“, einer felsigen Steilstufe am Talschluss. Danach noch eine Stunde entlang am Lünersee und Aufstieg über die Totalp, die bei Nebel und Wind ihrem Namen alle Ehre macht.

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Nepalesisch-österreichische fusion-cuisine auf der Totalphütte: Thunfisch-Momos mit Tomatensauce und Kartoffel!

Beim Wandern im Regen kommt man leicht ins Grübeln; außen läuft das Wasser, innen der Schweiß, viele Sinneseindrücke gibt es nicht. Mir wollten unter Wanderern, die ich bisher getroffen habe, zwei Eltern-Nachwuchs-Paare nicht aus dem Sinn.

Erstens: Vor etwa zwei Wochen traf ich auf einer Hütte eine Frau aus Ungarn und ihre erwachsene Tochter, die auf dem viel begangenen Weitwanderweg München-Venedig unterwegs waren. Dieser wird normalerweise in etwa 22 Etappen begangen; die Mutter, eine sich sehr resolut gebende Dame, hatte allerdings entschieden, sie beide würden es in zwei Wochen schaffen. Ihr Ziel: Der Tochter Durchhaltevermögen und Toughness einzuimpfen. Für die Tochter war es die erste Wanderung in den Bergen überhaupt; ihre erste Mehrtagestour. Sie machte das Spiel mit, aber litt (ihrem Gang nach zu urteilen) wohl arg unter den Strapazen. Mutter und Tochter hatten sich offenbar selbst und gegenseitig etwas zu beweisen. Nun gut, warum nicht ambitioniert sein? Aber ob bei täglich 13-stündigen Zwangmärschen die Freude am Wandern aufkommen kann, oder erst recht ob man die einzigartige Schönheit der Alpen wertschätzen kann, frage ich mich doch sehr.

Zweitens: Vor etwa einer Woche traf ich auf einer Hütte ein Vater-Sohn-Gespann aus Frankfurt am Main. Der Mann und sein halbwüchsiger Sohn waren auf dem sehr beliebten Teilstück des E5-Weitwanderwegs von Oberstdorf nach Meran unterwegs. Aus Neugierde fragte ich sie, wie lange sie dafür wohl brauchen würden? Fünf Tage, sagte der Vater. In fünf Tagen von Oberstdorf nach Meran – dann müssten sie aber sehr schnell gehen! sagte ich. Naja, so der Vater, man könne nach dem Abstieg ins Inntal ja den Bus nach XY nehmen, außerdem gebe es später eine Seilbahn hoch zu jener Hütte, und das “letzte Stück “ nach Meran (etwa 50 km!) könne man auch mit dem Bus “abkürzen“; das machen viele so. Was soll das, frage ich mich? Ich bin gewiss kein Purist, benutze sonst gerne Bus und Bahn und gelegentlich auch ein mechanisches Aufstiegsmittel; nur auf meiner jetzigen Wanderung nutze ich aus Prinzip kein Fortbewegungsmittel außer meinen Füßen. Aber wem will man eigentlich was vorgaukeln, wenn man in fünf Tagen von Oberstdorf nach Meran wandert, jedoch tatsächlich nur die paar Strecken wo kein Bus, Wandertaxi, oder keine Gondel fährt, zu Fuß geht?

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Einsamkeit im Regen im Brandnertal

Wozu diese Beschleunigung auf stets den selben wenigen populären Weitwanderwegen nur führen kann ist, dass die selben Hütten immer überfüllter sind, und dann noch weiter ausgebaut werden müssen. Mehr Baustellen, mehr Helikopterflüge, mehr Infrastruktur im Hochgebirge. Indes bleiben andere schöne Hütten leer. Natürlich bekommt nicht jeder Mensch drei Monate frei und ich erwarte ja nicht, dass man es mir gleichtut. Ich bin selber gar kein Mensch, der die Langsamkeit liebt oder predigt. Ich habe nichts gegen Sonntagswanderer, die die Gondel benutzen, um oben einen Spaziergang zu machen. Und natürlich begrüße ich es sehr, dass immer mehr ein sanfterer Sommertourismus als Ausgleich zum stellenweise überbordenden Wintersport in Mode kommt; ja wenn, dann sollten sogar noch mehr Menschen die Alpen nutzen können, um innere Ruhe und schöne Erlebnisse zu finden!

Aber der kurzlebige, stressige Massentourismus, der offenbar stellenweise aus dem Alpinwandern entsteht, führt nur zu mehr Bebauung, mehr Bergrettungseinsätzen, mehr Verkehr im Tal. Die Alpen scheinen bei immer mehr Menschen zum kurzzeitigen Spielplatz für unrealistische Ambitionen und persönliche Eitelkeiten zu werden. Es fehlt offenbar immer mehr der Respekt für den Berg (was man auch am Müll sieht). Wahrscheinlich sind daran nicht zuletzt auch die Anforderungen der modernen Verwertungsgesellschaft mit ihrer Arbeits- und Lebenswelt mitschuld: Viele Chefs sehen mehr als zwei Wochen Urlaub am Stück nicht gerne; im den Sommerferien sollte man ein Praktikum machen; in den Semesterferien das (jüngst so popelig erhöhte) Bafög aufstocken. Dennoch will man in der Freizeit natürlich seine Ziele erreichen. Das Bergsteigen muss entsprechend schneller und hektischer vonstatten gehen.

Kein Wunder ist es aber dann, wenn die halbe Welt ihre “Besteigung “ des Mont Blanc auf 3800m an der Gondel beginnt, dass so viele Leute höhenkrank werden und gerettet werden müssen. Und das Extrembeispiel schlechthin natürlich: Die Menschenmassen, die sich an den wenigen schönen Tagen im Jahr (mit „Gipfelgarantie“) von Sherpas den Mount Everest hochschleppen lassen. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen: Wenn ich eines Tages den Mont Blanc besteigen sollte, dann will ich zu Fuß vom Tal auf und (hoffentlich gesund) zu Fuß wieder ins Tal absteigen. Dieser Respekt gebührt dem Berg.

Phil

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